Nachlese zum Bildungsvolksbegehren
15. November 2011
In Österreich werden 6,4 Millionen Wahlberechtigte gezählt. Der Initiator des Bildungsvolksbegehrens wünschte sich eine Beteiligung von 90 Prozent. Das wären gut 5,7 Millionen Unterschriften gewesen. Mit gedämpftem Optimismus wurde die Erwartung auf 850.000 zurückgeschraubt. Schließlich sind 6,07 Prozent der Wahlberechtigten unterschreiben gegangen – 383.820.
Irritiertes Herumeiern
„Ist das Glas halbvoll oder halbleer?“ Der Initiator meinte vor dem Begehren, dass er „mit dem Ergebnis auf keinen Fall zufrieden sein werde“. Das Endergebnis hat der Wutbürger aber dann als „höchst respektabel“ bezeichnet. Irritiertes Herumeiern. Was hat die überwältigende Mehrheit der österreichischen Wahlbürgerinnen und Wahlbürger gehindert, mit der Unterzeichnung persönlich für Bildung auf- und einzutreten? „Warum sind die Leute so feige? Dafür gibt’s doch gar keine Gründe“ (Georg Kreisler).
Die Begleitmusik zum Volksbegehren war nicht gerade feige. Die Schule sei „mies“, sei „krank“. Und gar der Steinzeitmensch als Symbolfigur! Ich kann mich einfühlen in jene Tausenden Lehrerinnen und Lehrer, die unter dem Beifall ihrer Schülerinnen und Schüler und mit Anerkennung ihrer Eltern erfolgreiche Unterrichts- und Bildungsarbeit leisten. Unsre Schule müsse „finnlandisiert“ werden! Von Finnland kann Österreich lernen, aber unter Berücksichtigung der Unterschiede zwischen den beiden Ländern. Zum Beispiel, dass der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund dort unter drei Prozent, in Österreich über 17 Prozent (Wien 40 Prozent, in manchen Schulen mehr als 90 Prozent) beträgt.
Und von den Initiatoren wurden die Vertreterinnen und Vertreter der Lehrerschaft als „Refuseniks“ (Verweigerer) oder als „bornierte Gewerkschaftsbetonköpfe“ beschimpft. Spricht man so eine Einladung zum Bildungsdialog aus? Plakative Sager über Mängel in der österreichischen Bildungslandschaft und maßlose Übertreibung in der Darstellung bestehender Defizite haben den gesunden Hausverstand abgeschreckt. Vielleicht auch die Größe des Forderungspaketes. Mit zunehmend massiver Werbung haben Vereinnahmung oder Distanzierung zugenommen. Es entwickelte sich auch Wahlk(r)ampf!
So verwundert es nicht, dass beim betrüblich gering gewordenen Vertrauen in die österreichische Politik die Bürgerinnen und Bürger „sitzen geblieben sind“, obwohl sie „aufsteigen“ sollten. Und das Zankkarussell dreht sich weiter. ÖVP-Vertreter orakeln: „Volksentscheid gegen die Gesamtschule.“ Frau Bildungsminister Claudia Schmied straft die Gymnasien wegen ihres Gesamtschulwiderstandes ab, indem sie ihnen das Zweilehrersystem verweigert.
„Wir stehen erst am Anfang!“ So der Initiator nach Vorliegen des Ergebnisses seines Volksbegehrens. Der „Zauber des Anfangs“ ist ausgeblieben. Nun sollte meines Erachtens das Bündel der Forderungen so aufgeschnürt werden, dass Schritt für Schritt aus dem angesagten „Herbststurm“ ein erfolgreicher Gang durch die Institutionen werden kann. Im Mittelpunkt soll stehen, dass sich der Unterricht für die Persönlichkeitsbildung aller Schülerinnen und Schüler bessere.
Lehrerberuf aufwerten
Unverzichtbare Bedingungen dafür: die Aufwertung des Lehrerberufes, verpflichtende bedarfsbezogene Fortbildung, ständige Erfolgskontrolle durch die Schule selbst und externe Überprüfung durch eine eigene Agentur. Damit kann morgen begonnen werden und übernächstes Jahr ein Ergebnis vorliegen. Das schafft Luft für die Abwicklung der angesagten Bildungsdialoge über eine durchkomponierte Reform. Das Bildungsministerium bietet dafür qualifizierte Vorarbeiten. Schlimm wäre für das Vorhaben das „Eunuchensyndrom“: zu wissen, wie es geht, es aber nicht zu können.
OÖN – 15. November 2011
