Der Rotstift

ABRECHNUNG MIT BILDUNGSPOLITIK

20. September 2011

Abrechnung mit Bildungspolitik

„Wer will, dass die Schule bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt“: In seinem Buch „Die Pisa-Lüge“ geht Niki Glattauer mit der Bildungspolitik hart ins Gericht. Im wien.ORF.at-Interview sprach er über Lügen, Wünsche und seinen Bruder Daniel.

wien.ORF.at: Herr Glattauer, Ihr neues Buch heißt „Die Pisa-Lüge“. Wer lügt und warum?

Niki Glattauer: Diejenigen, die die Studie interpretieren und damit ihre politischen Suppen kochen. In Österreich ist Bildung ein parteipolitischer, ideologischer Zankapfel. Jede Partei betreibt Klientelpolitik und daher stockt alles. Auch in den Rankings wird gelogen. Es sind die 34 sogenannten OECD-Kernländer hergezeigt worden, wo Österreich den drittletzten Platz beim Lesen einnahm. Das diente als Argument für eine Katastrophenstimmung. „Oh Gott, das Land ist bildungsmäßig am Boden!“

In Wahrheit sind aber 65 Länder verglichen worden und Österreich liegt beim Lesen im Mittelfeld und in Mathematik fast im ersten Drittel. Gar nicht so übel. Aus PISA wird ein Songcontest der Bildung gemacht, wo nicht jeder singen darf, was er am besten kann. Das ist dumm.

wien.ORF.at: Wann haben Sie sich entschieden, dieses Buch zu schreiben?

Glattauer: Die Initialzündung war auf einer Veranstaltung zu PISA. Dort hat ein Politiker zu einem anderen gesagt „Gott sei Dank haben wir es hin bekommen, dass wir keine Ausländerdebatte mehr haben.“

Über den Autor

Glattauer wurde 1959 in der Schweiz geboren. Seit 30 Jahren arbeitet er als Journalist, Kolumnist und Gastkommentator in diversen Tageszeitungen. Zurzeit ist er Integrationslehrer an einer Kooperativen Mittelschule in Wien. Zuletzt erschien sein Buch „Der engagierte Lehrer und seine Feinde. Zur Lage an Österreichs Schulen“

So ist es auch transportiert worden. Das ist aber falsch. Laut Pisa wird jedes Kind mit einem im Inland geborenen Elternteil als einheimisch definiert. Das ist ein Fehler. Bei dem Versuch politisch korrekt zu bleiben, wird das Kind mit dem Bad ausgeschüttet. In Wirklichkeit sind Kinder mit anderen Muttersprachen das Zünglein an der Bildungswaage. Ich bin dafür, dass man die Kinder aufteilt. Aber das trauen sich die Politiker nicht, weder die Schwarzen, aber auch die Roten und Grünen nicht. Leider nur die Blauen, aber die wollen damit an den Pranger stellen. Ich hingegen will, dass die Kinder eine deutschsprechende Umgebung haben.

wien.ORF.at: Momentan finden in Wien die Lese-Wochen statt, wo rund 16.000 AHS- und Hauptschüler auf ihre Lesekompetenz untersucht werden. Diejenigen, die nicht gut Deutsch können, sollen einen Crashkurs besuchen. Das betrifft vorwiegend Kinder mit Migrationshintergrund. Ist das Modell sinnvoll?

Glattauer: Es ist gut, dass sich etwas tut, aber es ist kein taugliches Instrument. Dann ergibt es sich, dass ich ein Mädchen in der Klasse habe (Anm. Glattauer unterrichtet an einer Kooperativen Mittelschule in Wien), das im Deutschunterricht raus muss für den Deutschkurs. Das ist ja grotesk! Außerdem lernen Kinder von anderen Kindern mehr als von Erwachsenen. Man müsste die Kinder mischen. 20 Schüler in einer Klasse, wovon zehn Deutsch sprechen, fünf gut Deutsch und die anderen sollten möglichst vielen verschiedenen Sprachen angehören.

Wir merken, wie das Niveau in der Klasse steigt, wenn Kinder aus der AHS zu uns kommen, weil die besten aus der alten Klasse sich an diesen Kindern orientieren. Sie sagen Wörter, die vorher nicht in ihrem Sprachgebrauch waren, sie lernen Gleichaltrige kennen, wo es zuhause Bücher gibt, das ist was völlig Fremdes. Und für die Kinder von der AHS ist es auch von Vorteil. Sie fühlen sich gut, weil sie helfen können.

wien.ORF.at: Sie geben in Ihrem Buch verschiedene Dialoge mit ihren Schülern wider. Glauben Sie nicht, dass sich die Kinder dadurch von Ihnen lächerlich gemacht fühlen?

Glattauer: Nein, denn man merkt beim Lesen, dass ich diese Kinder schätze. Mir fällt auch kein Stein aus der Krone, wenn ein Schüler „Oida“ zu mir sagt. Meine Güte, wenn er es so gelernt hat. Das stört mich nicht.

wien.ORF.at: Ein typischer AHS-Lehrer wird sich mit der Anrede „Oida“ vielleicht nicht anfreunden.

Glattauer: In Österreich haben wir noch immer ein sehr autoritäres Lehrer-Schüler Verhältnis. Die LehrerIn ist die Respektperson. Respekt ist gut, aber er kann auf eine andere Art eingefordert werden als in dieser traditionellen „Anstellen, 2er-Reihe und der Mund ist zu“-Manier. Die Kinder spielen dabei ungern mit, weil sie in der Gesellschaft und im Alltag einen anderen Ton erleben.

Ein Umdenken, schon in der Ausbildung, ist gefragt. Wir Lehrer müssen als Mentoren fungieren, Hilfestellung leisten und Neigungen fördern. Das ist wichtiger als Disziplin und Gehorsam einzufordern. In Österreich ist der Lehrer nicht Freund, sondern Prüfer und das setzt sich in der Arbeitswelt fort. Das ist falsch.

Niki Glattauer

Ueberreuter Verlag

wien.ORF.at: In anderen Ländern sind Schulreformen längst umgesetzt worden. In Österreich wird seit Jahrzehnten debattiert. Passiert ist wenig. Wieso?

Glattauer: Österreich hat diese Reformwelle verschlafen. Wir bekritteln unsere Gesellschaft, die Managergehälter und Korruptionsfälle, aber diese Menschen lernen ja alle schon in der Schule sich so im Leben zu behaupten. Man nimmt sich, was man kriegt, man kuscht nach oben, man tritt nach unten. Wir können jetzt versuchen, einen anderen Weg einzuschlagen und schauen, ob das zu einer besseren Gesellschaft führt.

wien.ORF.at: Die Lehrer haben keine Schuld an Pisa, schreiben Sie. Wer ist dann Schuld?

Glattauer: Das System! Die PolitikerInnen trauen sich nicht, das Nötige durchzuziehen wider besseres Wissens. Beispiel Neue Mittelschule. Die Frau Ministerin hat gut angefangen, man hat ihr aber den Schneid abgekauft, jetzt ist sie nur mehr pragmatisch. Sie wollte die neue Mittelschule als einzige Mittelschule durchsetzen, hat sich aber auf einen Kompromiss eingelassen von einer Umwandlung der Hauptschulen in Neue Mittelschulen unter Beibehaltung der AHS, was nichts verbessert.

In Wien sind auch alle Hauptschulen Kooperative Mittelschulen. Es ist aber dasselbe drin, nur mit einer schwierigeren Klientel, weil die gesamte nicht Deutsch sprechende Gesellschaft vertreten ist. Teile des bürgerlichen Lagers haben Berührungsängste, weil sie sich als etwas Besseres fühlen. „Mein Kind soll nicht mit Ali in der Klasse sitzen“ – das ist Schichtendenken.

wien.ORF.at: Wie kann dieses Schichtendenken aufgelöst werden?

Glattauer: Indem von oben eine verordnete Schulpolitik gültig gemacht wird. Man wird die Leute nie überzeugen können, sie müssen einfach vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Ich wähle schließlich Politiker, damit sie die Gesamtsituation verbessern. Innerhalb der ÖVP sind die Fronten ja auch gespalten. Weite Teile sind von der Notwendigkeit einer Neuen Mittelschule überzeugt, aber eine kleine Gruppe legt sich dagegen quer. In Finnland konnte sich vor 40 Jahren auch niemand die Gesamtschule vorstellen und heute will keiner mehr zurück.

wien.ORF.at: Wie kann die Neue Mittelschule bei uns funktionieren?

Glattauer: Die Neue Mittelschule muss eine gemeinsame Schule für alle sein, am besten bis zum 15. Lebensjahr, in der genug Ressourcen vorhanden sind und qualitativ hochwertige LehrerInnen unterrichten. Mit 15 macht dann eine Weichenstellung Sinn. Eine Neue Mittelschule kann neben der AHS aber nicht funktionieren.

wien.ORF.at: Sie beklagen in Ihrem Buch die schlechte Situation der Lehrer. Ist es wirklich so schlimm?

Glattauer: Das Problem ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, die Leistung nur mehr über gute Arbeit definiert und daher müssen beide Elternteile die Möglichkeit haben, arbeiten zu gehen. Das kann aber nur funktionieren, wenn sich Eltern Nachhilfe oder Betreuung für ihre Kinder leisten können. Dort, wo es soziale Benachteiligung oder Migrantensituationen gibt, wird das Manko nicht ausgeglichen. Diese Kinder gehen in den Park oder die Shoppingcity, aber sicher nicht Hausübung machen. Dazu brauchen wir ganztägige Schulen.

Buchhinweis:

Niki Glattauer: Die Pisa-Lüge – wie unsere Schule wirklich besser wird, Ueberrreiter Verlag, 19,95 Euro

Und wir müssen die Kasernen schleifen, in denen wir unterrichten. 90 Prozent der Schulen sind nicht als Arbeitsplatz für die LehrerInnen gedacht. Oftmals gibt es nur ein Konferenzzimmer mit einem Tisch, keinem Radio, keinem Computer, nicht einmal Schreibtischladen. So kann man nicht arbeiten. Warum setzt sich die Gewerkschaft dafür nicht ein, sondern politisiert lieber?

wien.ORF.at: Laut Pisa 2009 sind 61 Prozent der österreichischen Buben Lesemuffel. Wieso ist das so?

Glattauer: Ich glaube, dass europaweit ein Trend weg vom Lesen zu erkennen ist. Die Tradition des Vorlesens in der Kinderstube schwindet. Ich denke aber, Kinder lesen genug. Mein Bruder etwa (Anm. Daniel Glattauer) war der größte Lesemuffel und heute ist er Bestsellerautor.

wien.ORF.at: Ist die Situation in Wiens Klassenzimmern dramatischer als anderswo in Österreich?

Glattauer: In Wien gibt es einen besonders hohen Anteil an Kindern mit ausländischen Muttersprachen, nämlich 45 Prozent. In den Hauptschulen sind es sogar 63 Prozent. Da kann nicht mehr von Integration gesprochen werden. Aber auch in anderen Städten, wie beispielsweise Salzburg oder Linz, steigen die Zahlen.

wien.ORF.at: Kritisieren Sie den Umgang der Medien mit Pisa?

Glattauer: Es wird nicht hinterfragt, nicht recherchiert. Die Boulevardblätter schreiben: Lehrer versagen! Der nationale Notstand ist ausgebrochen! Und bei den sogenannten Qualitätszeitungen wird je nach politischer Ausrichtung berichtet, dass Kinder mit Migrationshintergrund nichts dafür können oder dass die Gesamtschule nicht funktioniert. Unisono steht die Forderung nach mehr Leistung. Noch mehr Drill, noch mehr pauken, noch mehr prüfen, noch mehr testen. Daraus resultiert aber nicht noch mehr Leistung.

wien.ORF.at: Pisa 2012. Was kommt auf uns zu?

Glattauer: Wenn sich das Land dazu aufrafft, Pisa ernster zu nehmen und die LehrerInnen aufgerufen sind, sich vorzubereiten, dann werden die Ergebnisse schlagartig besser sein. Wenn aber die Politik das nicht will, weil sie Interesse daran hat, dass Österreich wieder schlecht abschneidet, wird das auch so eintreten.

wien.ORF.at: Lesen Ihre Schüler Ihr Buch?

Glattauer: Nein, die interessiert das nicht. Mich hätte als 14-Jähriger auch nicht interessiert, was ein alter Lehrer zur Schulpolitik sagt. Sie lesen aber Artikel von mir. Ein Schüler kam unlängst auf mich zu und meinte „Herr Lehrer, ich hab gelesen, Sie wollen, dass wir den ganzen Tag Schule haben. Das is ja Gefängnis, Oida! Da kumm i jo gar net mehr!“

Niki Glattauer mit seinem neuen Buch

ORF

wien.ORF.at: Was wollen Sie mit Ihrem Buch bewirken?

Glattauer: Ich würde mir wünschen, dass ich noch eine große Schulreform erlebe. Ich versuche zu sticheln, auch zu verärgern. Und das eben als Schreiber.

wien.ORF.at: Sehen Sie die größere Aufgabe als Lehrer oder Autor?

Glattauer: (lacht) Beides. Man würde jetzt erwarten, dass ich die Kinder als größere Aufgabe nenne, aber für mich sind beides ganz wichtige Aufgaben.

wien.ORF.at: Blicken wir 20 Jahre in die Zukunft. Was wünschen Sie sich bis dahin?

Glattauer: Dass die nine-to-five Schule die Regel ist und Schule zuhause kein Thema mehr ist. In Österreich sind 70 Prozent aller familiären Streitigkeiten schulbedingt. Und eine gemeinsame LehrerInnenausbildung sowie einen freundschaftlichen Umgang zwischen SchülerInnen und Lehrenden. Schule soll ein Lebensabschnitt sein, wo die Lehrenden den SchülerInnen helfen, gut, selbstbewusst, kritisch und verantwortungsvoll durchs Leben zu gehen.

wien.ORF.at: Sind Sie früher gerne zur Schule gegangen?

Glattauer: Nein.

wien.ORF.at: Abschlussworte zu Pisa.

Glattauer: Die Studie an sich halte ich für sinnvoll. Aber ich würde mir wünschen, dass wir keinen Songcontest der Bildung daraus machen, dass PolitikerInnen die Ergebnisse nicht wissentlich falsch interpretieren und dass nicht manipulativ mit der Studie umgegangen wird. Man muss die Dinge ehrlich beim Namen nennen.

Das Interview führte Verena Schaupp, wien.ORF.at

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