Eine vorhersehbare österreichische Blamage
16. Dezember 2010
Die diesjährigen PISA-Resultate sind durch einen Schülerboykott beeinträchtigt - Diese einmalige Dummheit ist aber nicht das Problem - sondern der ÖVP-Unwille zu einer tiefgreifenden Schulreform - Von Karl Heinz Gruber
Die internationale Blamage, die Österreich mit der Veröffentlichung der neuen PISA-Daten ("mit Vorbehalt") nächste Woche bevorsteht, war vorhersehbar.
Anlässlich der Turbulenzen um die (Nicht-)Verlängerung der wöchentlichen Lehrverpflichtung der Lehrer und des dadurch ausgelösten Kinderkreuzzugs gegen die Zumutung von mehr Unterricht durch die Reduzierung der "schulautonomen" Tage schrieb ich am 28. April 2009 hier im Standard: "Ein 18-jähriger Bundesschulsprecher fordert seine Mitschüler auf, den PISA-Test der OECD zu boykottieren. Als besonders cleveren Schachzug weist er darauf hin, dass es für Schüler zwar die Pflicht gebe, den Test mitzumachen, dass sie jedoch niemand daran hindern könne, sich dabei möglichst dumm zu stellen ..."
Ich meinte damals, Bildungsministerin Claudia Schmied, ÖVP-Obmann Josef Pröll und Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner sollten gemeinsam diesen jungen Mann, Mitglied der ÖVP-Vorfeldorganisation Schülerunion, unverzüglich zu sich zitieren und ihm klarmachen, dass er gerade dabei war, die internationale Reputation Österreichs zu schädigen.
Gleich wie man dazu steht
Und ich fuhr fort: "Man mag zu PISA stehen, wie man will: PISA hat sich zu einer der internationalen Benchmarks für die Tüchtigkeit von Bildungssystemen entwickelt. Wenn der Veröffentlichung der heuer erhobenen PISA-Daten die peinliche Anmerkung beigefügt werden muss, dass die österreichischen Daten durch einen Schülerstreit beeinträchtigt wurden, so wird dies wenig zum internationalen Image, der Verlässlichkeit und der politischen Reife des Wirtschaftsstandortes Österreich beitragen."
Es ist schwer zu sagen, wie viele Schüler dem Aufruf tatsächlich gefolgt sind und sich beim Test "dumm gestellt" haben. (Die Schülerunion ist auf ihrer aktuellen Homepage "stolz" auf den "erfolgreichen" PISA-Boykott.) Das eigentliche österreichische Problem sind ohnehin nicht die heuer durch einmalige Dummheit mehr oder weniger stark beeinträchtigten PISA-Resultate.
Es ist vielmehr die von den drei bisherigen PISA-Studien entdeckte beständige Gruppe von Sechzehnjährigen, die nicht jene Mindeststandards an Lese- und Schreibkompetenz erwerben, die ihnen einen erfolgversprechenden Eintritt in die Arbeitswelt sowie eine verantwortungsvolle Teilhabe am gesellschaftlichen und politischen Leben ermöglichen.
Diese Risikogruppe (deutlich mehr Schüler als Schülerinnen) ist größtenteils ein Produkt der Hauptschule, und zwar nicht nur in Österreich, sondern auch in Deutschland. Die frühe schulische Segregation von Schülern, denen im Alter von zehn Jahren auf höchst dürftiger diagnostischer Basis die Befähigung zu "höherer" Bildung zugesprochen wird, von der großen Mehrheit derjenigen, die mit weniger anspruchsvoller hauptschulischer Kost abgespeist werden, ist das Grundübel der deutschsprachigen Schulsysteme.
Niedrige Aspirationen
Es ist natürlich nicht die "Schuld" der Hauptschullehrerinnen, sondern ein systemischer Fehler, aber bei vielen Schülern erzeugt der "heimliche Lehrplan" der Hauptschule niedrige Aspirationen, eine geringes Selbstvertrauen, nicht selten starke Ressentiments gegen ein System, das sie frühzeitig als zweitklassig abgeschrieben hat - und eben auch wenig Leselust.
Offensichtlich reicht eine Strukturreform durch die Etablierung einer Gesamtschule für alle Zehn- bis Fünfzehnjährigen allein nicht aus, um der Heterogenität der Schülerbegabungen pädagogisch angemessen Rechnung zu tragen und der Minderleistung eines Fünftels der Schulabgänger effektiv entgegenzuwirken. Die unabdingbaren Konsequenzen der gesamtschulischen Integration sind innerschulische Differenzierung und Individualisierung.
Ebenso offensichtlich ist allerdings auch, dass die strukturellen Mängel der aus dem 19. Jahrhundert stammenden zweigliedrigen Schulorganisation nicht durch Retuschen und Pseudoreformen zu beseitigen sind.
Leichte Retusche
Wie es der Zufall so wollte, fällt der PISA-Katzenjammer mit der Veröffentlichung des neuen ÖVP-Schulprogramms zusammen. Nachdem Pröll & Pröll den klugen (und witzigen) Vorschlag von ÖVP-Wissenschaftsministerin Beatrix Karl "Gymnasium für alle" mit der "Einheitsschul"-Keule niedergeschlagen haben, bleibt alles beim (da und dort leicht retuschierten) Alten.
Aus der Sicht der europäischen Schulreformen der letzten Jahrzehnte ist "Der neue Bildungsweg" (so der Titel des ÖVP-Papiers) eher eine pädagogische Via Appia Antica: Déjà-vu, so weit das Auge reicht - Beibehaltung der Trennung von Gymnasium und Hauptschule, Umbenennung ("Aufwertung") der Hauptschule zur "Realschule", Umbenennung des Hauptschulabschlusses zur "Mittleren Reife", Umbenennung des Polytechnikums zur "Qualifizierungsschule" anstelle von Sonderschulen für Schwerstbegabte von der Art der Sir-Karl-Popper-Schule, an allen Schulen "high potential groups" für Hochbegabte ...
Aufgemotzte Dampflok
Mit ihrer Weigerung, aus den Mängeln der frühen Auslese die Konsequenz einer Gesamtschulreform zu ziehen, verhält sich die ÖVP so "innovativ" wie eine Bahngesellschaft, die sich krampfhaft gegen die Elektrifizierung wehrt und stattdessen den alten Dampfloks besonders windschlüpfrige Anstriche in Modefarben verpassen möchte.
Vielleicht bewirkt die gesamtösterreichische Ernüchterung durch die peinlichen neuen PISA-Resultate, dass sich aufgeklärte Captains of Industry wie Christoph Leitl, Klaus Raidl und Peter Mitterbauer, die ein genuines Interesse an der Mobilisierung des Begabungspotenzials nicht nur der Mittel- und Oberschicht, sondern auch der "Working Class" haben, aktiv in die Erneuerung des Bildungswesens einmischen - etwa dadurch, dass sie demonstrativ das Bildungsvolksbegehren ihres Kollegen Hannes Androsch unterstützen.
(Karl Heinz Gruber, DER STANDARD, Printausgabe 4./5.6.2010)
KARL HEINZ GRUBER lehrt Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Wien.

