Der Rotstift

Stimmt die Richtung, Frau Ministerin Schmied?

8. Juli 2010

von Klaus Satzke
 
Während sich die ÖVP zunächst noch vor klaren Aussagen drückt und in Grundsatzdebatten flüchtet, bekennt sich die SPÖ zu alten Grundsätzen, verschweigt sich aber weitgehend hinsichtlich der konkreten Schritte eines Reformprozesses. Zunächst ist das Erfreuliche hervorzuheben: Derzeit gibt es in Österreich nicht nur eine Schulreformdiskussion, die von Experten und Bildungsjournalisten getragen wird. Jetzt beteiligen sich auch Politiker und Interessenorganisationen! Und in (allerdings raren) Einzelfragen des Schulwesens (z. B. Zentralmatura) kann man erleben, dass sich die regierende Koalition sogar zur einen oder anderen gemeinsamen Auffassung durchringt. Der Erwartungsdruck der Öffentlichkeit nach Veränderungen im Schulwesen zeitigt offenbar Wirkung.
In einem Interview mit dem Standard (26./27. Juni) wird Ministerin Dr. Schmied nun ein klein wenig deutlicher:
 
- Sie kann sich vorstellen, im nächsten Schritt ein ganzes Land (gedacht ist an Vorarlberg) auf das Konzept der Neuen Mittelschule umzustellen. Ist das mehr als reine Ankündigungspolitik? Wenn ja, dann muss man den faulen Kompromiss des bestehenden Schulversuchsparagraphen ändern, der ja den Fortbestand von AHS - Standorten im Versuchsfeld ausdrücklich vorsieht, oder man muss so etwas wie einen Schulentwicklungsparagraphen installieren, der schrittweise strukturelle Veränderungen auch ohne Schulversuche zulässt. Oder geht es ohnehin nur um die Einbeziehung aller Hauptschulen eines Bundeslandes, also um die Wiederholung des Versuchs einer Hauptschulreform, mit der man schon in den 80er-Jahren grandios scheiterte. Also: Geht's vielleicht doch ein bissel präziser? Ohne Klarstellungen ist jede seriöse Diskussion schlichtweg unmöglich. Oder ist das nur eine raffinierte Strategie zur Verwirrung der Öffentlichkeit, die mit Reformkonjunktiven (Man würde, könnte, müsste ...) abgespeist wird, weil konkrete Reformschritte unter den gegebenen Bedingungen unmöglich erscheinen.
- Für letztere Vermutung spricht der zweite Reformpunkt, der im Interview angesprochen wird: Die Reform der zweigeteilten Lehrerausbildung! Die Antwort der Ministerin mag man als eine Meisterleistung sprachlicher Vernebelungskunst ansehen, sie ist aber gleichzeitig - zwischen den Zeilen gelesen - von einer ernüchternden Eindeutigkeit: Entscheidend ist aus der Sicht der Ministerin ein gemeinsames Curriculum. Im Übrigen befassen sich die Pädagogischen Hochschulen ja zu 100 Prozent mit der Aus- und Fortbildung der Lehrer, die Unis aber tun dies nur so nebenbei! Im Klartext heißt das: Die Parallelität der Ausbildung bleibt erhalten; gemeinsame Curriculum-Module verschleiern die gravierenden Niveauunterschiede, was im übrigen auch durch die Vorschläge der ExpertInnenkommission (der Bachelor der Uni soll länger ausgebildet werden als jener der Hochschule) unwidersprochen grundgelegt ist. Wie meint doch der international renommierte Bildungsexperte und derzeitige Leiter des Max-Plank-Institutes für Bildungsforschung: „Eine Strukturreform alleine verkennt, dass die wachsenden Leistungsunterschiede zwischen den weiterführenden Schulformen auch durch die unterschiedliche Qualifikation der Lehrkräfte verursacht werden."
- Und wie soll in Zukunft eine bessere Qualität des Unterrichts gesichert werden? Die Ministerin meint: Durch besser ausgebildete Schulleiter mit einem klareren Aufgaben- und Kompetenzprofil und durch mehr Autonomie an der Schule. Da kann man nur voll zustimmen, aber mit Verlaub: Warum ist dieser Schritt nicht bereits gestern geschehen? Worauf wartet man im Unterrichtsministerium mit der Umsetzung eines Projektes, zu dem alle Voraussetzungen bereits seit Jahren vorliegen?
Man sollte sich jedoch nicht der Illusion hingeben, die Frage der Schul- und Unterrichtsqualität wäre eine Thematik, die durch „weiche" Maßnahmen der Schulentwicklung (Lehrerfortbildung als Alibi für fehlende Nachhaltigkeit!) hinreichend zu beantworten ist. Die Sicherung von Schulqualität verlangt im Rahmen einer Debatte über die Neustrukturierung des Schulwesens auch nach organisatorischen und personell-finanziellen Gewissheiten. Dass im Rahmen einer Gesamtschullösung sowohl eine bessere Förderung der lernschwächeren Schüler als auch der Lernbefähigteren möglich ist (aber nicht alleine durch die neue Struktur automatisch gesichert ist), dafür sprechen eine Vielzahl von wissenschaftlichen Untersuchungen und auch konkrete Erfahrungen. Die unmittelbar betroffenen Eltern wird man daher nur durch konkrete Fakten über funktionierende Stütz- und Fördermaßnahmen sowie Leistungskurse überzeugen können und nicht durch die abgedroschene Formel von der Individualisierung und Differenzierung. Maßnahmen dieser Art können, ja müssen flexibel, d. h. vor allem bedarfsorientiert realisiert werden, sie benötigen dennoch eines klaren quantitativen und organisatorischen Rahmen und so etwas wie einer Qualitätsgarantie durch die verantwortliche Bildungspolitik. Widersprüchliche Grundsatzdebatten hier, allzu wolkige Reformankündigungen dort, das muss bedenklich stimmen im Hinblick auf den Herbst 2010, in dem sich aller Wahrscheinlichkeit das Schicksal der Schulreform in dieser Legislaturperiode entscheiden wird.

<< zurück