Analyse zu den Empfehlungen der ExpertInnengruppe für eine LehrerInnenbildung NEU
8. Juli 2010
von Dr. Wolfgang Schlöglmann
• Den Empfehlungen fehlt eine tiefgehende Analyse der derzeitigen Situation mit dazugehörenden empirischen Arbeiten. Die im Papier angeführte Situationsbeschreibung bezieht sich nur auf Oberflächendaten. Auch alte Stereotype, wie „es sei ein feiner Unterschied, ob man sich in seiner Profession als LehrerIn definiert, die ein Fach unterrichtet oder als Fachexpertin, die auch Unterricht erteilt“ werden aufgegriffen. Der ExpertInnengruppe scheint unbekannt zu sein, dass die Entscheidung Lehrerin oder Lehrer an Höheren Schulen zu werden, jedenfalls in Mathematik, Informatik und Naturwissenschaften in dem Bewusstsein getroffen wird, dass auch ein Fachstudium mit anderer Zielsetzung möglich wäre.
• Das Papier enthält kaum argumentative Elemente, sondern es werden Behauptungen und Empfehlungen aufgestellt, die nicht begründet werden und denen auch die empirische Basis fehlt.
• Entgegen dem internationalen Trend und auch den Empfehlungen des Bildungsberichts wird eine Grundausbildung auf Bachelorniveau vorgeschlagen. Wie man damit die „besten Lehrkräfte für unsere Kinder“ motivieren will den Beruf einer Lehrkraft zu ergreifen ist nicht zu erkennen. Eher erreicht man das Gegenteil. Das Motiv der Kostenreduktion ist den AutorInnen oder deren Auftraggebern vermutlich wichtiger.
• Das Papier gibt in den wichtigen Punkten keine klare Auskunft was angestrebt wird. So wird auf Seite 51 nicht klar ob künftige Primarstufenlehrkräfte noch Klassenlehrkräfte sein sollen, denn die Mathematik fehlt in diesem Vorschlag. Dies deutet eher auf eine Abkehr von diesem Prinzip hin.
In der Sekundarstufe 1 (?) ist nicht klar erkennbar ob weiter zwei Unterrichtsfächer vorgesehen sind. Für die Sekundarstufe 2 wird auch eine Einfachlehrkraft vorgeschlagen. Diese gibt es in verschiedenen Ländern, wobei aber stets in deutlich verstärktes Fachstudium (üblicherweise Bachelor im Fach) üblich ist.
•Das Papier ist ein typisches Pädagogenpapier, was bei der Zusammensetzung der ExpertInnengruppe auch nicht verwundert. Die Pädagogik wird deutlich ausgebaut, wobei dies zu Lasten des Faches und der Fachdidaktik geht. Dies obwohl internationale Studien (siehe BRD) eindeutig belegen, dass die Fachkompetenz und die fachdidaktische Kompetenz zentral für den Unterricht und dessen Qualität sind. Die in einem nichtveröffentlichten Papier von Peter Heintel behauptete These, dass die Trennung von Fach und Fachdidaktik eine künstliche sei, lässt sich so nicht aufrecht erhalten. Wohl ist bekannt, dass eine hohe Korrelation zwischen Fachkompetenz und fachdidaktischer Kompetenz besteht (siehe Studien von Baumert u.a.) und die Fachkompetenz wesentliche Voraussetzung für die Vermittlung und den Unterricht ist, der ja immer noch inhaltsbezogen ist, dies führt aber nicht dazu, dass sich das Fach nur in didaktischen Situationen realisiert. Sonst wären die Anwendungen des Faches, wie z.B. die Berechnung des Bildes beim Computertomographen oder die automatische Steuerung eines Produktionsprozesses das Ergebnis einer didaktischen Situation.
• Der gemeinsame Kernbereich, der sich über das ganze Studium erstrecken soll bedeutet, dass völlig inhaltsunspezifisch vorgegangen werden muss, was aber bei Themen wie Bildung, Kommunikation, Lernen und Lehren und Qualität wohl nicht sinnvoll erscheint.
• Es wird im Papier von berufsbegleitenden Masterstudien gesprochen aber nicht darüber an welcher Institution diese stattfinden sollen. Auch bei diesen Studien ergibt sich wieder ein pädagogischer Schwerpunkt. Welche Masterstudien dies sein sollen wird nicht gesagt. Fachstudien können es jedenfalls nicht sein, denn dazu reicht die fachliche Grundlage nicht aus.
• Der frühe Einstieg in die Praxis verfestigt die bestehende Praxis und erinnert mehr an das Konzept der Meisterlehre als an eine hochqualifizierte akademische Ausbildung. Praxisausbildungen in akademischen Berufen erfolgen erst nach einem absolvierten Diplom- oder Doktoratsstudium. Dies ist umso mehr verwunderlich, da man ja aus der Forschung zur Wirkungsweise der Lehramtsausbildung weiß, dass ein frühzeitiger Einstieg eben diese Praxis verfestigt (Blömeke u. a.). Ein solches Konzept ist nur dann sinnvoll, wenn eine sehr stabile Praxis vorliegt, die tradiert werden soll, aber nicht in einem dynamischen System, wie es die Schule darstellt und deren Praxis ja verändert werden soll.
• Die vorgesehenen Cluster können aus organisationstheoretischer Sicht nur zu oberflächlichen Lösungen führen.
• Zum Punkt: Wissenschaftlichkeit und Forschung
Hier erreicht das Konzept einen Höhepunkt an Oberflächlichkeit. Dass Erkenntnisgewinn zum Kern von Bildung und Ausbildung gehört ist so trivial, dass es der Erwähnung nicht bedarf.
Was der Satz „die Kategorie ‚Wahrheit’ spielt in der Schule eine bedeutsame Rolle“ sagen soll, kann ich nicht erkennen.
Wie aber alle Studierenden im Rahmen einer Bachelorausbildung einen vertieften Einblick in die Erkenntnisse und Methoden der pädagogischen, der fachdidaktischen und fachwissenschaftlichen Forschung erhalten sollen, zeigt jedenfalls für die Mathematik und die Naturwissenschaften, dass sich die ExpertInnengruppe nicht über die fachlichen Voraussetzungen dafür im Klaren ist. Noch dazu wenn sich diese Forschung an internationalen Qualitätsanforderungen orientieren soll.
Zusammenfassung:
Das vorgeschlagene Konzept führt zu einem Rückschritt in der Lehramtsausbildung. Es führt zu einer Abwertung des Lehrberufes und wird daher nicht dazu führen, dass hochqualifizierte junge Menschen ein Lehramtsstudium aufnehmen werden. Dies umso mehr, da die bisher in der Ausbildung von Lehrkräften an Höheren Schulen bestehende Durchlässigkeit zu den Fachstudien massiv behindert wird. Man erkauft die Durchlässigkeit für die anderen Lehramtsstudien mit der Verunmöglichung bisher bestehender Durchlässigkeiten. Auf der Grundlage meiner langjährigen Tätigkeit an beiden Institutionen der Lehramtsausbildung, aufgrund vieler Gespräche mit Studierenden und KollegInnen, weiß ich, dass die Studierenden sehr wohl wissen, warum sie eine bestimmte Ausbildung wählen. Es ist für mich verwunderlich, dass man Lehrlingen zumutet sich mit 15 Jahren für einen spezifischen Beruf zu entscheiden, dies aber für AbsolventInnen einer Höheren Schule möglichst lange offen halten will. Mir ist bewusst, dass die Vorgaben an die ExpertInnengruppe manche Schwächen des vorgeschlagenen Konzeptes beeinflusst haben, aber eine Konzepterstellung ohne Einbindung der Fächer muss zum Scheitern verurteilt sein.
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