"Zeitbühne" - Wen sponsern hier Unternehmen aus Oberösterreichs Industrie-, Banken- und Wirtschaftswelt?
27. November 2009
Seit mehreren Jahren wird die Zeitschrift „Zeitbühne“ an Schulen in OÖ versandt und Lehrenden und Lernenden zur Lektüre gereicht. Wer diese Jahresabonnements um immerhin 18 Euro bezahlt, ist unbekannt. Inserate, Beiträge und huldvolle Berichte dokumentieren ein enges Naheverhältnis zu bedeutenden Unternehmen aus Oberösterreichs Industrie-, Banken- und Wirtschaftswelt. Beiträge in der Nr.5 von 2009 stammen u.a. vom Präsidenten der Industriellenvereinigung von OÖ, Klaus Pöttinger, vom EU-Abgeordneten der ÖVP Dr. Paul Rübig und vom Sicherheitsdirektor für OÖ, Dr. Alois Lißl.
Was sind nun die Botschaften der „Zeitbühne“?
Die politische Situation nach der Wahl 2009 in OÖ wird heftig beklagt: „Ein Affront gegen die Industrie: Die ÖVP erneuert schwarz-grüne Links-Koalition“. Eine zukünftige schwarzblaue Koalition würde nach dieser Farbenlehre wohl noch als Mitte-Links-Regierung durchgehen. Das Fett bekommen vor allem die Grünen ab, die angeblich ganz offen (wenn auch ohne Quellenangabe des Zitats) bekennen: „Unser Endziel ist das Verbot des Privatautos, wobei es für Politiker Ausnahmen geben muss “ (S.23). Die Klimaerwärmung gibt’s nicht und gebaut wird allgemein zu wenig. Der Atomkraft würde man in Österreich gerne wieder eine Chance geben, aber die LehrerInnen haben das verbockt. Denn die Skepsis der Österreicher gegenüber der Kernenergie hat einen Verursacher: „Unsere Pädagogen haben es geschafft, daß wir heute in dieser Frage eine satte Mehrheit der Ablehnung vorfinden würden. Obwohl wir damit langsam auf der Welt ziemlich isoliert dastehen, haben wir Österreicher uns entschieden, von der Kernkraft nichts verstehen zu wollen und uns vor ihr zu fürchten“ (KR Ing. Helmuth Bumberger, S. 9). „Die Umverteilung von Reich zu Arm“ sei eine „gestrige Vorstellung. „Gerechtigkeit für Leistungsträger muß eines der zentralen wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Themen sein“, meint auf S. 32 Markus Beyrer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung Österreich. Die Minderleister sind schnell identifiziert, denn „48% der Erwerbstätigen zahlen überhaupt keine einkommensabhängigen Steuern.“ Es wird einem vor Augen geführt, welche Möglichkeiten und Schlussfolgerungen sich mit Josef Prölls Transferkonto ergeben könnten. Angesprochen sollten sich vor allem auch Ausländer fühlen, durch die „unser Sozialsystem kippt“, wobei die „Folgen bürgerkriegsähnliche Zustände“ sind, die sich (…) „auf ganz Europa – auch Österreich – ausbreiten werden“ (Brigitte Zachl, S. 4).
Relativierung und Verharmlosung des Nationalsozialismus
In einigen Rezensionen und Leserbriefen findet sich ein wiederkehrendes Muster der Relativierung des Nationalsozialismus: Es wird versucht, den Verbrechen der NS-Zeit ein ähnliches Verhalten der Alliierten gegenüberzustellen. DI Winfried Lindl aus Puchenau relativiert in seinem Leserbrief auf S. 8 den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 „Und da wieder ein Gedenkjahr ist und wieder behauptet wird, Hitler habe das ahnungslose Unschuldslamperl Sowjetunion hinterrücks überfallen“, indem er einen Satz Stalins an seine Generäle nach Unterzeichnung des „Rippentrop (gemeint ist: Ribbentrop)-Molotow-Nichtangriffspaktes“ von 1939 zitiert: „Ich habe Herrn Hitler hinters Licht geführt.“ Eine Rezension der Biographie von Nina Schenk, Gräfin von Stauffenberg, der Tochter des Hitler-Attentäters Claus Schenk Graf von Stauffenberg, wird beendet mit der Einschätzung: „Oberstes Ziel der Verschwörer war es, daß durch einen Waffenstillstand das Töten beendet wird. Ein tragischer Irrtum, denn Winston Churchill lehnte jeden Waffenstillstand ab, um bis zur endgültigen Niederwerfung Deutschlands noch möglichst viele Millionen Deutsche zu töten“ (JZ / Josef Zachl, S. 38) Ein Leserbrief erinnert an die Bombenopfer in Wien: „Ich vermisse unter den vielen gefeierten Jubiläen in der letzten Zeit das Gedenken an die 65. Wiederkehr des Beginns der alliierten Terrorangriffe auf die offene Stadt Wien, (die) 1000 Tote hinterließen. Keine österreichische Zeitung hat dieser Schandtat diesmal eine Zeile gewidmet.“ (S.7, BR h.c. DI Walter Lüftl, Wien). Möglicherweise ist der Schreiber mit jenem BR h.c. DI Walter Lüftl ident, der 1991 in einem Gerichtsgutachten die technische Möglichkeit der Menschentötung in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau bestritt.
Kann man die gesellschaftspolitischen Analysen noch als Standespolitik irgendwie nachvollziehen, verwundert einen jedoch die mangelnde Distanz zur NS-Verharmlosung, und man stellt sich die Frage, ob die sponsernden Unternehmen aus Oberösterreichs Industrie-, Banken- und Wirtschaftswelt überhaupt wissen, wem sie hier durch ihre finanzielle Unterstützung eine „Zeitbühne“ geben.
Mag. Rudolf Rebhandl

